Predigt zu Allerheiligen
“Selig, die ein Herz eines Armen haben”
es gilt das gesprochene Wort
Selig, die das Herz eines Armen haben
Am Fest Allerheiligen hören wir jedes Jahr die Seligpreisungen.
Die erste Seligpreisung ist quasi das Leitmotiv für die nachfolgenden Seligpreisungen. Das Armsein vor Gott steht am Anfang der Seligpreisungen Jesu.
Das Armsein vor Gott hat für uns heutige Menschen einen eigenen Klang, der nicht sogleicheinleuchtet. Denn der Begriff der „Armut“ wird in unserer Zeit sehr häufig verwendet und gebraucht. Und wenn ich einmal frage würde, was ihnen alles zu Armut einfällt, dann käme eine ganze Bandbreite von Begriffen und Assoziationen dabei heraus.
Menschen mit leeren Händen
Im Lukasevangelium wird der Begriff „Armut“ in den Seligpreisungen, in leiblicher Hinsicht verwendet. Die Seligpreisung der Armen im Matthäusevangelium ist an die gerichtet, die – wie wir – nicht in Armut leben.
Die Frage stellt sich: Für welche Armut preist Jesus denn uns glücklich?
Wie kann ich mich, der ich etwas besitze, von Jesus angesprochen fühlen, wenn er sagt: Glücklich zu preisen, die arm sind?
- Gemeint ist die geistige Armut; früher missverständlich übersetzt mit “Arm im Geiste”.
- Gemeint ist die Armut des Menschen vor Gott.
- Jesus preist jene Menschen selig, die das Herz eines Armen haben, die sich vor Gott arm vorkommen; als Menschen mit leeren Händen.
Die erste Seligpreisung könnte man auch so wiedergeben: Glücklich, die sich ihre Armut vor Gott eingestehen.
Mit dieser Einsicht kann der eine oder andere nicht ganz leicht mit umgehen.
- Die Armen haben nichts und sind darauf angewiesen, dass ihnen etwas gegeben wird.
- – Wir, die etwas besitzen, könnten uns dagegen leicht mit dem zufrieden geben, was wir unser Eigen nennen und wo wir keine Entbehrung leiden. Mein Herz kann so voll gestellt sein mit irdischen Gütern, dass kein Platz mehr besteht für das, was mehr ist als irdischer Besitz. Manchmal wäre da eine innere Entrümpelung notwendig.
Innere Distanz zu den Gütern dieser Welt
Die erste Seligpreisung könnte mich zu einer neuen Einschätzung dessen bewegen, was ich besitze, um eine innere Distanz den irdischen Gütern gegenüber zu gewinnen. Wir dürften uns, schreibt Paulus den Christen von Korinth, im Blick auf die Begrenztheit unserer Lebenszeit, nicht zu sehr an das klammern, was wir besitzen. Darum sollten wir kaufen, als würden wir nicht Eigentümer. Und wir sollten uns die Welt zunutze machen, als nutzten wir sie nicht (vgl. 1 Kor 7:29-31). Was wir haben, ist Leihgut. Es wird uns nicht ewig gehören.
Die innere Distanz zu dem, was wir besitzen, betrifft auch die geistigen Güter. Materielles Besitzdenken ist, meine ich, eher zu entlarven als das Sich-zugute halten in geistiger Hinsicht.
Armsein vor Gott gewinnt eine noch tiefere Dimension im Relativieren auch dessen, was ich an geistigen Gütern und Fähigkeiten besitze. Ich verdanke sie Gott, vor allem: sie sind nicht das, was mich vor Gott wertvoll macht. Das bin ich selbst. Von Gott geschaffen und geliebt – ohne meine Verdienste und Leistungen.
Allein Gott verdankt
Therèse von Lisieux, fühlte sich vor Gott als ein Mensch mit leeren Händen. “Am Abend meines Lebens”, so hat sie einmal gebetet, “werde ich mit leeren Händen vor Dir erscheinen; denn ich bitte: Zähle meine guten Werke nicht, Herr! All unsere Gerechtigkeit ist voller Fehler in Deinen Augen. Ich will mich also mit Deiner Gerechtigkeit bekleiden und mit Deiner Liebe Dich selbst empfangen.”
Ich möchte abschließen mit einer Geschichte aus den Chassidischen Erzählungen, die Martin Buber gesammelt hat. Auch sie kann deutlich machen, dass wir uns von jeglicher Art von Besitz- und Leistungsdenken lösen müssten, um uns dann um so mehr von Gott beschenken und beglücken zu lassen. “Ein junger Mensch kommt zu einem Rabbi mit der Frage: ‚Was kann ich tun, um die Welt zu retten?‘ Der Weise antwortet: ‚So viel, wie du beitragen kannst, dass morgens die Sonne aufgeht.‘ ‚Aber was nützen dann all meine Gebete und guten Taten, mein ganzes Engagement?‘, fragt der junge Mensch. Darauf der Weise: ‚Sie helfen dir wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht‘.”